Spotlighting Museums, vol. 56
Multiperspektivität und Empathie - „Talking Objects"- Multiperspectivity and Empathy
Please find the English Version below
Willkommen zur 56. Ausgabe unseres Newsletters „Spotlighting Museums“. Dieses Mal greift Helen Warnholtz den Themenbereich der 42. Ausgabe auf, und beleuchtet die emotionale Wirkung im Umgang mit Objekten.
Neben ihrem Masterstudium in Literatur- und Kulturtheorie an der Universität Tübingen, unterstützt sie uns seit 2025 als studentische Projektassistenz in dem Programm „Das relevante Museum”. In ihrer Forschung widmet sie sich der Rezeption von Subjektivität, durch narrative Kunst. Aktuell analysiert sie Multiperspektivität im Kontext eines revidierten Verständnisses von Empathie. Sie erarbeitet die Auswirkungen auf damit einhergehende Wertesysteme.
Im Folgenden bringt sie ihre Erkenntnisse mit den aktuellen Debatten und Fragestellungen innovativer Museumsarbeit in Verbindung und legt den Schwerpunkt auf die Stärkung empathischen Bewusstseins durch multiperspektivische Vermittlung.
Sie stellt das künstlerische Forschungsprojekt „Talking Objects” vor. Die Initiatorin des Projekts, Isabel Raabe und Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Kuratorin des internationalen Teams, haben uns dazu zwei Fragen beantwortet.
Multiperspektivische Vermittlung und Empathie
Wie wir einem Objekt gegenübertreten, wird durch seine Präsentation beeinflusst. In welchem Kontext begegnen wir dem Objekt? Welche Informationen werden uns bereitgestellt? Steht es vielleicht in einer Vitrine? All diese Dinge lenken den Blick, mit dem wir auf das Objekt schauen, welche Geschichte wir mit ihm verbinden und schlussendlich, welche Emotionen es bei uns hervorruft.
Begegnen wir einem Objekt durch eine klassische Form der Präsentation und Kontextualisierung, können wir dazu verleitet werden, das Objekt eindimensional zu betrachten und eine universelle Bedeutung herauszulesen. Die damit einhergehenden Emotionen können folglich eine Antwort auf diese einseitige Interpretation sein. Empathische Praxis wird in diesem Fall zum Versuch der Identifikation durch das Nachempfinden dieser universalen Interpretation des Objekts. Emotionen bergen jedoch die Besonderheit, dass sie in uns liegen und individuell unterschiedlich sind. Wir können sie weder sehen noch anfassen, wodurch es für uns unmöglich bleibt, fremde Emotionen vollständig nachzuempfinden. Dies legt nahe, bei empathischer Einfühlung weniger den Anspruch zu erheben, die Emotionen unseres Gegenübers nachempfinden zu können und stattdessen die Emotionen unseres Gegenübers durch das aufmerksame Betrachten seiner Individualität und Unterschiedlichkeit von uns selbst zu begreifen. Kunstvermittlung kann solch ein Empathieverständnis fördern, wenn dessen Ausrichtung die Aufmerksamkeit auf diese Bewusstwerdung der Unterschiedlichkeit von subjektiven Emotionen lenkt.
Multiperspektivische Darstellungsformen von Objekten sind hierfür ein Ansatz, der das Potential birgt, die Aufmerksamkeit des Publikums von der Ergründung einer universellen Wissensaussage auf die Art der Betrachtung selbst zu lenken, indem sie unterschiedliche Wahrnehmungen und Emotionen gleichrangig zulassen.
Poly-Perspektivische Objektbetrachtung bei „Talking Objects“
Das Projekt „Talking Objects” wurde 2020 von Isabel Raabe initiiert und von einem Kurator:innenteam aus Kenia (Chao Tayiana Maina), Senegal (Malick Ndiayé) und Deutschland (Dr. Mahret Ifeoma Kupka und Isabel Raabe) geleitet. Das von der BKM, dem Auswärtigen Amt, der Heinrich Böll Stiftung, der KfW und des Goethe Instituts geförderte Forschungsprojekt ist in zwei Projektbereiche gegliedert: Das „Talking Objects Archive” und das „Talking Objects Lab”. Die Hauptthemen des Projekts umfassen die Dekolonisierung von Erinnerung und Wissen, die Neubewertung von Objekten aus kolonialen Kontexten, Kraft durch Chancen künstlerischer Perspektiven und Fragen an klassische museale Formen des Bewahrens und Präsentierens (Quelle: talkingobjectslab.org/about). In Zusammenarbeit mit African Digital Heritage (Nairobi) und Designern von visual intelligence (Berlin) und dem Institut Fondamental d‘Afrique Noire/IFAN (Dakar) entwickelte das vierköpfige Kurator:innenteam das „Talking Objects Archive”. Das seit dem 17. Januar 2025 gelaunchte digitale Archiv ist eine öffentlich zugängliche Plattform, die sich auf Objekte aus europäischen und afrikanischen Museumssammlungen stützt und in diesem Rahmen Strategien für ein umfassenderes Verständnis von Wissen entwickelt. Das „Talking Objects Lab” begleitet das „Talking Objects Archive” und ist kuratiert von Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Isabel Raabe, Malick Ndiayé, Njoki Ngumi und Chao Tayiana Maina. Das fünfköpfige Team, bestehend aus Mitgliedern aus Kenia, Senegal und Deutschland veranstaltet, hauptsächlich in diesen drei Ländern, Think Tanks, Symposien, Künstler-Residenzen, künstlerische Interventionen und Ausstellungen, die sich der Dekolonisierung von Erinnerung und Wissen widmen.
Durch die Erforschung dekolonialen Wissens im Umgang mit Objekten stellen sie eindimensionale, eurozentristische, universalistische Wissenssysteme in Frage. Durch das Anerkennen von Lücken und fehlenden Erzählungen, begreifen sie Wissen und Forschung als einen fortlaufenden Prozess eines dynamischen Netzwerks vielfältiger Bedeutungen. Das Ergründen dieser vielfältigen Bedeutungen wird hier als Heilung von kolonialem Trauma verstanden, die eine ganzheitliche, unhierarchische Betrachtung herstellt.
Isabel Raabe und Dr. Mahret Ifeoma Kupka beantworteten uns zur Ergänzung ein paar Fragen zur Rolle von Emotionen und deren Vermittlung, bei der Erforschung dekolonialen Wissens.
H.W.: „„Talking Objects“ stellt klassische museale Formen der Bewahrung und Präsentation infrage, indem es ein Netzwerk vielfältiger Bedeutungen schafft. Welche Rolle nimmt bei dieser Betrachtungsweise der Objekte das Publikum ein, und inwiefern werden sie emotional eingebunden?”
I.R. & M.I.K.: „Bei Talking Objects ist das Publikum kein stiller Beobachter, sondern Teil des Ganzen. Wenn Objekte nicht nur eine festgelegte Geschichte erzählen, sondern viele Bedeutungen zulassen, entsteht Wissen erst im Austausch. Dekolonisierung heißt für uns auch: Es gibt keine Hierarchie des Wissens. Jede Perspektive, jede Erinnerung und jede persönliche Geschichte ist wertvoll. Das Publikum bringt eigene Erfahrungen und Gefühle mit – und genau dadurch werden die Objekte lebendig. Die emotionale Einbindung entsteht nicht durch Erklärung, sondern durch Offenheit: Die Objekte dürfen unterschiedlich gelesen werden, und diese Vielstimmigkeit ist ausdrücklich erwünscht.”
Beispielhaft für solch vielfältige Bedeutungen ist die daraus entstandene Projektreihe „Writing Objects”, kuratiert von Celina Baljett Basra und Isabel Raabe. In der Reihe setzten sich zwölf Berliner Autorinnen mit einem Objekt auseinander, das sie selbst aus dem Werkbundarchiv, dem Kunstgewerbemuseum oder dem Museum Europäischer Kulturen wählten. Am 18. September 2025 präsentierten neun dieser Autorinnen ihre Texte, die die subjektive Betrachtung des Objekts, im Zusammenhang kollektiver und persönlicher Erinnerung behandeln. Zusammen ergeben die Texte ein vielstimmiges Gemeinschaftsprojekt musealer Erinnerungskultur, das politische und gesellschaftliche Fragen aktivieren soll (Quelle: talkingobjectslab.org/writing-objects). Seit dem 23. September 2025 findet sich hier der Audiomitschnitt der Lesung.
H.W.: „„Talking Objects” arbeitet mit einem Wissensbegriff, der ein dynamisches Netzwerk von vielfältigen Bedeutungen und Interpretationen beschreibt. Ein Beispiel ist die Reihe „Writing Objects”, die subjektive Objektbetrachtungen bei der Ergründung eines Wissensnetzwerkes berücksichtigt. Welche Bedeutung haben hier Emotionen bei der Wiederherstellung eines ganzheitlichen Wissens?”
I. R. & M.I.K: „„Talking Objects” arbeitet mit einem pluralen, ganzheitlichen Wissensbegriff. Subjektive Wahrnehmungen und Emotionen sind dabei kein Beiwerk, sondern zentral. Formate wie „Writing Objects” zeigen, dass Gefühle helfen, Verbindungen herzustellen, die rationales Wissen oft ausblendet. Ein „Ganzwerden“ von Wissen bedeutet auch, Verletzungen anzuerkennen. Koloniale Traumata können nicht einfach geheilt werden – sie müssen zuerst verstanden und ernst genommen werden. Emotionen öffnen hier Räume für Empathie und Verantwortung. So können neue, ethischere Beziehungen zwischen globalem Norden und globalem Süden überhaupt erst gedacht und aufgebaut werden.”
Durch den dekolonialen Ansatz eines dynamischen Wissensnetzwerkes bricht das Forschungsprojekt mit eindimensionalen Formen der Präsentation und ermöglicht eine Aufmerksamkeitsverschiebung von Wissenstransfer durch Objekte, hin zu einem Bewusstsein für vielschichtige Betrachtungsweisen. Durch Projektreihen wie „Writing Objects” werden hier unterschiedliche subjektive Wahrnehmung eines Objekts herausgearbeitet. Es entsteht ein Netzwerk von Texten vielschichtiger Interpretationen, bei denen die subjektive Wahrnehmung und die Emotionen der Autorinnen eine zentrale Rolle einnehmen. Solch eine Vermittlung ist hier exemplarisch für die Förderung eines Empathieverständnisses, das den Besuchenden ermöglicht, ihr Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit von Emotionen und dessen Bedeutungsschaffung zu stärken und koloniale Traumata ganzheitlich zu verstehen.
Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesem Artikel zum Thema Emotionalität und Wirkung einen inspirierenden Impuls in Bezug auf die Einflussnahme multiperspektivischer Vermittlungsformen und dessen empathischer Wirkung geben konnte. Ich danke der NORDMETALL-Stiftung für diese Möglichkeit und sehr herzlich auch Isabel Raabe und Dr. Mahret Ifeoma Kupka für die Zusammenarbeit und ihre spannenden Einblicke in die Projektarbeit von „Talking Objects”.
Herzliche Grüße
Helen Warnholtz
English Version
Welcome to the 56th edition of our newsletter ‘Spotlighting Museums’. This time, Helen Warnholtz picks up on the theme of the 42nd edition and highlights the emotional impact of interacting with objects.
In addition to her master’s degree in Literature and Cultural Theory at the University of Tuebingen, she has been supporting us since 2025 as a student project assistant in the ‘Relevant Museum’ programme. Her research focuses on the reception of subjectivity through narrative art. She is currently analysing multiperspectivity in the context of a revised understanding of empathy. She is evaluating it‘s effects on associated value systems.
In the following, she links her findings to current debates and questions in innovative museum work, focusing on strengthening empathic awareness through multiperspective communication.
She presents the artistic research project ‘Talking Objects’. The initiator of the project, Isabel Raabe, and Dr Mahret Ifeoma Kupka, curator of the international team, answered two questions for us.
Multi-Perspective Communication and Empathy
How we encounter an object is influenced by its presentation. In what context do we encounter the object? What information is provided to us? Is it perhaps displayed in a showcase? All these things influence the way we look at the object, the story we associate with it and, ultimately, the emotions it evokes in us.
If we encounter an object through a classic form of presentation and contextualisation, we may be tempted to view the object one-dimensionally and read a universal meaning into it. The emotions that accompany this can therefore be a response to this one-sided interpretation. In this case, empathic practice becomes an attempt at identification through empathising with this universal interpretation of the object. However, emotions have the peculiarity that they lie within us and vary from person to person. We can neither see nor touch them, which makes it impossible for us to fully identify with other people’s emotions. This suggests that, when empathising, we should focus less on claiming to be able to fully identify the emotions of our counterpart and instead seek to understand their emotions by attentively observing their individuality and differences from ourselves. Art education can promote such an understanding of empathy if it’s focus directs attention to this awareness of the diversity of subjective emotions.
Multiperspective forms of representation of objects are one approach that has the potential to shift the audience’s attention from exploring a universal statement of knowledge to the way of viewing itself, by allowing different perceptions and emotions to be given equal weight.
Poly-Perspective Object Viewing in ‘Talking Objects’
The ‘Talking Objects’ project was initiated in 2020 by Isabel Raabe and led by a team of curators from Kenya (Chao Tayiana Maina), Senegal (Malick Ndiayé) and Germany (Dr. Mahret Ifeoma Kupka and Isabel Raabe). Funded by the BKM, the Foreign Office, the Heinrich Böll Foundation, KfW and the Goethe Institute, the research project is divided into two project areas: ‘Talking Objects Archive’ and ‘Talking Objects Lab’. The main themes of the project include the decolonisation of memory and knowledge, the re-evaluation of objects from colonial contexts, the power of artistic perspectives, and questions about traditional museum forms of preservation and presentation (source: talkingobjectslab.org/about). In collaboration with African Digital Heritage (Nairobi), designers from visual intelligence (Berlin) and the Institut Fondamental d’Afrique Noire/IFAN (Dakar), the four-member curatorial team developed the ‘Talking Objects Archive’.
Launched on 17 January 2025, the digital archive is a publicly accessible platform based on objects from European and African museum collections, developing strategies for a more comprehensive understanding of knowledge within this framework. The ‘Talking Objects Lab’ accompanies the ‘Talking Objects Archive’ and is curated by Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Isabel Raabe, Malick Ndiayé, Njoki Ngumi and Chao Tayiana Maina. The five-member team, consisting of members from Kenya, Senegal and Germany, organises think tanks, symposia, artist residencies, artistic interventions and exhibitions dedicated to the decolonisation of memory and knowledge, mainly in these three countries.
By exploring decolonial knowledge in relation to objects, they challenge one-dimensional, Eurocentric, universalist knowledge systems. By acknowledging gaps and missing narratives, they understand knowledge and research as an ongoing process of a dynamic network of diverse meanings. Exploring these diverse meanings is understood here as a healing of colonial trauma, creating a holistic, non-hierarchical perspective.
Isabel Raabe und Dr. Mahret Ifeoma Kupka answered a few additional questions for us about the role of emotions and their communication in the exploration of decolonial knowledge.
H.W.: ‘Talking Objects’ challenges traditional museum forms of preservation and presentation by creating a network of diverse meanings. What role does the audience play in this approach to objects, and to what extent are they emotionally involved?’
I.R. & M.I.K.: ‘At ‘Talking Objects’, the audience is not a silent observer, but part of the whole. When objects do not just tell a fixed story, but allow for many meanings, knowledge only arises through exchange. For us, decolonisation also means that there is no hierarchy of knowledge. Every perspective, every memory and every personal story is valuable. The audience brings its own experiences and feelings with it – and that is precisely what brings the objects to life. Emotional involvement does not come about through explanation, but through openness: the objects can be interpreted in different ways, and this diversity of voices is expressly desired.’
An example of such diverse meanings is the resulting project series Writing Objects, curated by Celina Baljett Basra and Isabel Raabe. In the series, twelve Berlin-based authors engage with an object they themselves selected from the Werkbundarchiv, the Kunstgewerbemuseum or the Museum Europäischer Kulturen. On 18 September 2025, nine of these authors presented their texts, which deal with the subjective view of the object in the context of collective and personal memory. Together, the texts form a polyphonic collaborative project of museum memory culture that aims to activate political and social questions. (Source: talkingobjectslab.org/writing-objects) Since 23 September 2025, the audio recording of the reading has been available here.
H.W.: ‘‘Talking Objects’ works with a concept of knowledge that describes a dynamic network of diverse meanings and interpretations. One example is the ‘Writing Objects’ series, which takes subjective observations of objects into account when exploring a knowledge network. What significance do emotions have here in the restoration of holistic knowledge?’
I. R. & M.I.K: ‘‘Talking Objects’ works with a plural, holistic concept of knowledge. Subjective perceptions and emotions are not incidental, but central. Formats such as ‘Writing Objects’ show that feelings help to establish connections that rational knowledge often ignores. Becoming ‘whole’ in terms of knowledge also means acknowledging injuries. Colonial traumas cannot simply be healed – they must first be understood and taken seriously. Emotions open up spaces for empathy and responsibility. Only then can new, more ethical relationships between the global North and the global South be conceived and established.’
Through the decolonial approach of a dynamic knowledge network, the research project breaks with one-dimensional forms of presentation and enables a shift in attention from knowledge transfer through objects to an awareness of multi-layered perspectives. Through project series such as ‘Writing Objects’, different subjective perceptions of an object are elaborated here. The result is a network of texts with multi-layered interpretations in which the subjective perceptions and emotions of the authors play a central role. Such communication is exemplary here for promoting an understanding of empathy that enables visitors to strengthen their awareness of the diversity of emotions and their creation of meaning, and to understand colonial trauma holistically.
I hope that this article on emotionality and impact has provided you with inspiring ideas about the influence of multi-perspective forms of communication and their empathetic effect. I would like to thank the NORDMETALL-Foundation for this opportunity and also Isabel Raabe and Dr. Mahret Ifeoma Kupka for their collaboration and their exciting insights into the project work of ‘Talking Objects’.
Warm regards
Helen Warnholtz








